Fakultät der Parageschichte

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Vision eines alten Rabbiners

Frühling im Jahre 1939. Von Tag zu Tag wurde es immer wärmer und ein heißer Sommer wurde erwartet.
In der Stadt, wo sie seit Generationen wohnten, war bereits kein Platz mehr für sie. Seit einigen Jahren wurde es immer schwerer für sie hier zu wohnen.
Zuerst stieg die Dreistigkeit der Braunen nur langsam, zum Schluss jedoch, als sie die Macht übernahmen, begann der Terror. Angriffe auf Menschen und Zerstörungen von Geschäften häufen sich, und auf den Mauern zeigten sich immer mehr aggressive und beleidigende Aufschriften. Ohne wirklichen Grund wurden sie aus der Arbeit rausgeworfen, sogar jene die anerkannt waren und das Vertrauen der Kunden genossen, wie Ärzte oder Rechtsanwälte. So war es bis zum Jahre 1938, in dem begonnen wurde sie mit verschieden Methoden zu „bewegen“, die Stadt für immer zu verlassen. Als irgendwann im Herbst, kurz nach der unvergessenen Reichskristallnacht unter mysteriösen Umständen die Synagoge in Zoppot abbrannte, hatte die Mehrheit bereits genug von einem Leben in ständiger Angst. Dabei war ihnen klar, dass sie das Schlimmste noch vor sich hatten. Sie verstanden, dass ihr nördliches Jerusalem nicht mehr ihr versprochenes Land ist.
Ein Jahr zuvor fingen sie an die Stadt zu verlassen. Sie begaben sich in Richtung Westen, manchmal nach England, häufiger bis über den Ozean. Nun fingen alle an auszuwandern.
Die Braunen, die ihre Lieblingsmethoden in der Stadt noch nicht benutzen konnten, erleichterten ihnen die Emigration durch den Kauf von Immobilien der Gemeinde. Die vorgeschlagenen Kaufpreise waren erschreckend niedriger als der eigentliche Wert, aber in der damaligen Situation versuchte niemand zu verhandeln. Allein schon aus dem Grund, dass von dem Geld die Ausreise ärmerer Mitglieder der Gemeinde und ihrer Familien finanziert wurde. Aus diesem Grund wurde auch die Große Synagoge verkauft und niemand machte sich falsche Hoffnungen was ihre Zukunft anging. So wie viele andere Synagogen zu Lagern oder Büros wurden, so war diese Große so groß und so schön, dass sie vielleicht eine Zeit des Hasses überdauern konnte. Allerdings verbargen jene, die sie von ihnen gekauft hatten nicht ihr Vorhaben – die Synagoge wurde von einem Zaun umgeben und über dem Eingang eine Aufschrift gehängt mit der Information, dass sie zerstört wird.
Aber bevor dies geschehen sollte trafen sich alle noch einmal Mitte April, um zum letzten Mal einen Gottesdienst in mitten der Mauern der wunderschönen Synagoge abzuhalten.
Dann kam der Mai und in der verwüsteten Synagoge erklangen Hammerschläge, mit denen die Mauern zerstört wurden. Nicht viele sahen ihre Vernichtung. Die meisten waren bereits weit entfernt, auf der Suche nach weniger schrecklichen Orten, flüchtend vor dem Hass ehemaliger Nachbarn. Trotzdem wanderten nicht alle aus.
Ein Paar Tausend Menschen blieben, manche konnten nicht, oder hatten es noch nicht geschafft. Unter ihnen war ein alter Rabbiner, schon zu alt um irgendwohin, jenseits des Ozeans ein neues Jerusalem zu suchen, schon zu alt um darauf zu hoffen, dass sich hier in der Stadt die Dinge bessern, aber auch zu alt um sich zu fürchten, Er erinnerte sich an die Zeit als vor einem halben Jahrhundert die Mauern der Großen Synagoge wuchsen, in welcher er selbst später Hunderte Male den Gottesdienst abhielt. Er wollte nicht auswandern. Er wollte bis zum Schluss bleiben, wo er aufgewachsen war, wo er ein langes und ehrliches Leben geführt hatte. Zum Schluss erlag er jedoch den Überredungen, Argumenten und Bitten seiner Verwandten und willigte in die Ausreise ins Unbekannte ein.
Als bereits alles vorbereitet war, alles was verkäuflich war verkaufen worden war, die kostbarsten Dinge gepackt waren und das Schiff im Hafen von Neufahrwasser bereits wartete, bat der alte Rabbiner, ihn noch ein letztes mal zu dem Ort zu bringen, an dem ihre Synagoge einst gestanden hatte. Er wusste selbst nicht genau warum er ein letztes Mal einen Blick auf diesen Ort werfen wollte.
Und so, am morgen, als seine eigene Auswanderung beginnen sollte, wurde er von seinem Schwiegersohn und seinem Enkel in einem der letzten nicht verkauften Autos in die Reitbahn gefahren. Das Auto hielt beim Ecketurm, doch sie stiegen nicht aus. Zwar war niemand weit und breit zu sehen, doch sie, die die Erfahrung gelehrt hatte, wussten, dass sie nirgends mehr und zu keiner Zeit sicher waren.
Bis zum Sonnenaufgang war noch viel Zeit. Am Himmel, über den Dächern der Häuser, war nur ein heller Streifen zu sehen. Irgendwo über Poggenpfuhl stieg schwarzer Rauch aus den Schornsteinen der Bäckereien auf, in denen, wie jeden Tag, das Brotbacken endete. An der Stelle, wo früher der massive Körper der Synagoge gestanden hat, waren nur noch Ruinen, aus denen noch hier und dort, noch nicht dem Erdboden gleich gemachte Fragmente der Mauern sichtbar waren.
Drei Männer saßen im schwarzen Auto und betrachteten schweigen die Ruinen.
Plötzlich seufzte der alte Rabbiner und flüsterte: „Zion wird wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zum Steinhaufen werden...“ – und unter geschlossen Lidern seiner Erschöpften Augen rannen Tränen hervor.
Sein Enkel drehte sich hinter dem Lehnrad zu ihm herum und sagte mit veränderter Stimme: „Weine nicht, Großvater. In Amerika bauen wir eine größere noch schönere Synagoge.
„Ich weiß“ – der Alte nickte – „Ich weine nicht um diese Ruinen... Die, die ich beweine, die kommen noch erst.“
„Lasst uns schon fahren.“ – fügte er nach einer Weile hinzu.

Gefunden von virt. Prof. Grün
Übersetzt von Frosch

7 Januar 2005 (pl)
23 März 2008 (de)
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