Fakultät der Gestaltenkunde


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Jakob Deurer

(1898-1960)

Über sein Leben haben wir nur wenige Informationen. Wir wissen, dass er in Koblenz geboren wurde und sein Sohn Wolfgang im Jahr 1934 in Kassel zur Welt kam. Für uns ist sein Wirken seit 1941 relevant. Als geschätzter Architekt und Konservator im Staatsdienst, spezialisiert in Kirchenbau, wurde er von den Berliner Machthabern nach Danzig entsandt. Er wurde zum Leiter der Baugruppe Keibel zur Abwendung der Kriegsschäden an Baudenkmälern ernannt, einer Gruppe zu der Architekten, Bildhauer und Konservatoren gehörten. Der Name dieser Baugruppe ist darauf zurückzuführen, dass alle Dokumente außer vom Architekten Jakob Deurer, vom Ministerialrat Keibel als Repräsentanten des Auftraggebers, signiert wurden. Die Gruppe hatte den Auftrag, eine Dokumentation über bauliche und konservatorische Maßnahmen sowie über Sicherungsmethoden der Danziger Kunst- und Architekturdenkmäler vor Kriegsschäden, zu erarbeiten. Die Prämisse dabei war eine Dokumentation von solcher Genauigkeit zu erstellen, dass es auf ihrer Grundlage möglich sein sollte, eventuelle Schäden im Bereich der Kunstwerke zu beheben. Niemand zog damals die Möglichkeit einer totalen Zerstörung der Stadt in Betracht, es ging lediglich um Sicherungsmaßnahmen, z. B. für den Fall einer Bombardierung durch Flugzeuge. Das Auftragsziel unterlag übrigens der Geheimhaltung, weil die Machthaber die Ausbreitung einer pessimistischen Stimmung in der Bevölkerung befürchtete. Glücklicherweise fassten die Danziger Konservatoren – Dr. Erich Volmar Denkmalpfleger im Reichsgau Danzig - Westpreußen und Prof. Willi Drost (Staatlicher Kurator der Museumssammlungen) –den damals weitsichtigen Entschluss, die Ausstattung der wertvollsten Gebäude auszubauen, zu sichern oder an sicher geglaubte Plätze auszulagern: Dorfkirchen, Privathäuser und andere Gebäude in der Danziger Umgebung. Ihnen und Deurers Gruppe ist zu verdanken, dass viele Danziger historische Schätze erhalten geblieben sind, die andernfalls in den Kriegswirren verbrannt wären oder jenseits der neuen Ostgrenze neue Besitzer gefunden hätten.
Die Baugruppe Keibel konnte nur die erste Etappe der geplanten Arbeiten realisieren: sie verfertigte Projektions-, Querschnitt-, Aufriss- und Technische Zeichnungen, sie dokumentierte fotografisch die einzelnen Demontagephasen während der Sicherung der Kunstwerke. Die Bände mit den Dokumentationen umfassten alle sakralen Bauten (13 Kirchen, außer der St. Jakobi – Kirche, die damals für weltliche Zwecke genutzt worden war), den Arthushof, das Uphagen – Haus und ca. 100 Hausfassaden. Die Dokumentation über größere Kunstwerk-Gruppen oder einzelne Elemente der demontierten Kunstwerke schlossen mit Fotos der Orte oder Bauten, in denen die evakuierten Kunstwerke deponiert worden waren. Die Dokumentation wurde in mehreren Kopien erstellt: eine Kopie war für den Eigentümer in Danzig bestimmt (dies waren mehrheitlich Kirchengemeinden), die zweite war für den Konservator in Danzig, die dritte sollte am Sicherungsort der Kunstwerke deponiert werden. Die Originale und die vierte Kopie waren für den Auftraggeber bestimmt – die Bauabteilung des Preußischen Finanzministeriums in Berlin.
Deurer wurde 1945 zusammen mit seiner Familie mit einem Schiff der Kriegsmarine nach Deutschland evakuiert. Nachdem die Front durchgezogen war und sowohl Danzig als auch Berlin völlig zerstört worden waren, stellte sich heraus, dass die Arbeiten der Baugruppe Keibel entweder verschollen oder zerstört waren. Von den Dokumenten in Danzig soll nur ein einziger Band erhalten geblieben sein. Der unterirdische Bunker des Finanzministeriums in Berlin war geflutet und lange Zeit unzugänglich. Als es wieder möglich war ihn zu betreten, fuhr Jakob Deurer mit seinem Sohn dorthin, aber das Einzige, was er retten konnte, war eine kleine Schachtel mit stark beschädigten Negativen. Doch es existierte noch eine Kopie der Dokumentation, die Jakob Deurer aus Interesse für seinen Beruf angefertigt und rechtzeitig im Keller seines Hauses in Berlin-Wilmersdorf vergraben hatte. Es gelang ihm dieses Exemplar mitzunehmen, als er in die westlichen Besatzungszonen wechselte. Sein Sohn erinnert sich, dass Jakob Deurer von der Bedeutung dieser Dokumentation so überzeugt gewesen war, dass trotz aller Widrigkeiten, die das Jahr 1945 mit sich brachte, ihre Rettung für ihn Vorrang hatte vor der Rettung persönlicher Vermögenswerte.
Nach kurzem Aufenthalt in Köln verschlug es Deurer 1948 nach Wesel am Niederrhein, wo er mit dem Wiederaufbau der St. Willibrord–Kathedrale betraut wurde. Seit Kriegsende dachte Deurer daran, nach Danzig zurückzukehren um beim Wiederaufbau mit Rat und seiner Erfahrung tätig mitzuhelfen - ohne Rücksicht auf Teilungen und Vorurteile. Nur Eines zählte: Danzig seine herrlichen Baudenkmäler wiedergeben...
Er kam nicht mehr dazu seine Pläne zu realisieren. Deurer verstarb plötzlich 1960. Die Aufgabe, die Dokumentation weiter zu bearbeiten und sie denjenigen, die Danzig wiederaufbauten zugänglich zu machen, übernahm sein Sohn Wolfgang. Über lange Zeit war dies nicht möglich, weil die polnische Regierung ein so wertvolles Geschenk von Deutschen auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs nicht annehmen wollte. Erst nach Aufnahme der politischen Beziehungen konnte die Angelegenheit beendet werden. Zu guter letzt wurde 1978 Jakob Deurers Dokumentation der Stadt Danzig übergeben und befindet sich heute im Staatsarchiv.

Bearbeitet von: virt. Prof. Mar-Zet
Mitarbeit: virt. Prof. Pumeks
Übersetzt: Biszon
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