Fakultät der Friedhofskunde

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Urnenfriedhof auf dem Galgenberg

Von der Existenz dieses Friedhofs habe ich unlängst im Zusammenhang mit dem Wasserreservoire auf dem Galgenberg erfahren.
An einem Sonntag fuhr dort hin und stellte verwundert fest, dass auf einem relativ kleinen Gebiet ziemlich viele Grabtafeln zu finden sind. Fast alle sind umgestürzt aber noch gut lesbar. Die Gräber stammen überwiegend aus den 30er Jahren des 20. Jh. Das jüngste Todesdatum ist aus dem Jahr 1942.
Ich war bemüht alles, was unter Gestrüpp und Schnee sichtbar war, zu fotografieren.
Hier sind die Fotos.
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Ein Grabsockel.

Eine umgestürzte Grabtafel.

Grabtafel des Hermann Zacholl (5.5.1873 - 18.9.1937).

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(?) Geddert, gest. 27.11.1936.

Gertrude (30.4.1907 - 11.2.1937), bei zwei weiteren Personen, Augusta, geb. Fuhrmann, geb. 13.1.1870 und Ludwig, geb. 20.7.1879, fehlen die Todesdaten. Vielleicht sollte dies ein Familiengrab werden - wo also sind Augusta und Ludwig beerdigt?

Dieser Grabstein ist sicherlich von der Ehefrau des Emil Riffert (29.10.1887 - 30.10.1936) in Auftrag gegeben worden. Auf der Tafel ist Platz für ihren Namen übrig - aber man sieht, ruht sie nicht bei ihrem Ehemann.

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Grabstein der Anna Harwardt (6.12.1874 - 20.11.1936).

Grabstein des Bruno Wangler (13.1.1902 -13.7.1942) mit dem Zusatz "Friede sei mit Dir".

Grabstein der Hanna Herbst ( 4.4.1895 - 8.2.1936)

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Grabstein der Lotte Marquart (1.11.1914 - 31.3.1936) mit dem Zusatz "Wir denken Dein!".

Grabstein der Familie Glück, Anna Glück (27.1.1886 - 7.9.(?) 1936(?).

Grabstein der Familien Sperling und Hasemann: Maria Sperling geb. Lulinski (20.6.[18]62 - 6.10.[19]36 ?); Karl Hasemann ([?].12.[18]85 - [?]); Bertha Hasemann geb. Sperling (28.11.[18]86 - [Datum fehlt]).

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[?] Neumann (22.7.[18]09 - 13.5.[19]34;"unsere innig geliebte Mutter" Katharina Neumann (28.2.[18]69 - 3.7.[19]34; mit dem Zusatz "Jes. 35V.10" - d. h. also "Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen".

[...]o Kranke (12.12.1874 - 27.1.1940).

Eine Grabplatte mit unleserlichem Namen, nur das Geburtsdatum lässt sich entziffern: Juni 1888.

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Grabtafel des Hugo Siede (8.12.1893 - 20.8.1938).

Ein für diesen Friedhof charakteristischer Grabsockel.

Grabtafel der Emma Migge geb. Borkawski (10.[?]10.1870 - 5.6.1934).

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Ein für Friedhöfe charakteristischer Wasserbehälter - dieser hier ist eines der am besten erhaltenen Objekte.

Gustav Adolf Müller (19.9.1882 - 20.3.1934) und Melanie Müller geb. Richter (12.11.1884 - 21.11.1936).

Grabtafel der Hanna Kielbratowski geb. Konopatzki (24.5.1901 - 29.4.1933).

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Ein geheimnisvoller Textabdruck im Beton: wahrscheinlich ist die Platte wieder verwendet worden, mit der alten Inschrift in Beton getaucht, wurde die Inschrift im Hintergrund wie abgedruckt.

Ein Grabsteinfragment, von dessen Inschrift nur der Zusatz übrig geblieben ist.

Marie Küchler Wagner (10.12.1856 ? - 23.9.19??) und Margarete Schnekart? (24.10.1861 - 13.12.1935).

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Eine unleserliche Grabplatte

Der interessanteste Name auf dem Friedhof: Witwe Gerta Mrongovius geb. Selonke (25.5.1862 - 10.8.1933).

Grabtafel der Maria Hanau (23.1.1865 - 12.8.1933).

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Ein Grabsteinfragment, es fehlt der Name, wir erfahren nur, dass die hier bestattete Person eine geborene Schackwitz war (26.8.1867 - 24.6.1933?).

Alinna Lingmann geb. Schmidt (ges. 12.6.????) und Karoline Schmidt (geb. 28.10.1848). Das fehlen des Todesdatums weist darauf hin, dass sie hier nicht beerdigt wurde; Zusatz "Die Liebe höret nimmer auf"

Ein unleserlicher, aber dafür immer noch aufrecht stehender Grabstein.

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Grabtafel des Karl Schmoldt (5.3.1885 - 16.10.1939), der anderthalb Monate nach Ausbruch des Krieges beerdigt worden war.

Otto Hoffmann (3.5.1882 - 5.12.1932) und Auguste Hoffmann (geb. 17.6.1885) - die wahrscheinlich hier nicht beerdigt wurde.

Die nur noch schwer lesbare Grabplatte der Justine Fentross (?).

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Grabtafel des Otto Kind (17.8.1878 - ?? ?? 1935) und des Benno Kind (6.5.1904 - 12.2.1938).

Ein etwas anders Modell der hier charakteristischen Grabsteinsockel.

Eine Gräberreihe am Weg vom Galgenberg zum Krematorium.

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Ein jüngst aufgebrochenes Grab in unmittelbarer Nähe des Krematoriums.

   
Schockierend war die Tatsache, dass die Mehrheit der Gräber aufgebrochen worden war.
Und verwunderlich die Tatsache, dass ich von diesem Friedhof noch nie gehört habe.
Nachdem ich mich durchs Gestrüpp gearbeitet und einen schlammigen Pfad herab gestiegen bin, stand ich vor dem Krematorium. Und hier entstand die Hypothese: vielleicht ist dies ein Urnenfriedhof?
Zuhause begann ich alte Stadtpläne zu wälzen. Der Friedhof war eingezeichnet, aber die einzige Bezeichnung, die in seiner Nähe eingetragen war, lautete „Feuerbestattung“.
Meine Hypothese wurde durch Tatsachen gestützt:
- der Friedhof stammte aus der Zeit zwischen den Weltkriegen – das Krematorium ist 1914 in Betrieb genommen worden
- aufgebrochene Gräber, aber die Öffnungen zu klein, um an Särge gelangen zu können
- die Bezeichnung in den Stadtplänen...
Ich war mir fast sicher, dass dies ein Friedhof für die Danziger ist, die sich haben einäschern lassen. Der Urnenfriedhof war zwar in unmittelbarer Nähe des Krematoriums, aber vielleicht war er in den 30ern bereits überfüllt und man ging dazu über, die Urnen an der kleinen Allee, entlang der Kampfbahn (die nach dem kleinen örtlichen Führer benannt worden war), und später bis hin zum Gipfel des Galgenberges, zu bestatten? Wie dem auch sei, die Beute der Friedhofshyänen scheinen Urnen mit Menschenasche zu sein. Nur wozu kann jemand benutzte Urnen gebrauchen? Für die Sammlung? Um sie erneut zu benutzen? Ich beschloss, zur Klärung die Hilfe einer befreundeten Redaktion hinzuzuziehen. Meine Beobachtungen teilte ich Frau Dorota Kara¶ von der „Gazeta Morska[i]“ (‚See-Zeitung’) mit, die die Sache – wie immer – systematisch angegangen ist. Bald darauf erschien in der Zeitung ein kleiner Artikel mit dem Titel „Rätselhafter Friedhof in Langfuhr“, in dem Fragen nach der Identität des Friedhofs gestellt wurden – einige recht naive, z. B. „[i]ob an dieser Stelle vor dem Krieg ein Friedhof war?“.
Die Hypothese vom Urnenfriedhof wurde von Prof. Januszaitis kritisiert, indem er sagte. „an dieser Stelle konnte es keinen Urnenfriedhof geben, denn der befand sich direkt beim Krematorium. Auf dem Berg sind vielleicht Mitglieder der Peter- und Paul– Gemeinde in Langfuhr bestattet, nachdem es auf dem Kirchhof keinen Platz mehr gab“.
Meiner Theorie zur Hilfe kamen überraschend zwei Historiker – Katarzyna Decyk und Robert Chrzanowski – indem sie entschieden behaupteten, der Friedhof auf dem Berg ist „die Fortsetzung des Urnenfriedhofs, aus ihren Untersuchungen geht hervor, dass die dortigen Bestattungen regulär gewesen sind, die Maße der Gevierte entsprechen denen von Urnengräbern“.
Und was geschah mit dem Friedhof nach 1945?
Katarzyna Decyk und Robert Chrzanowski sagten der „Gazeta Morska“, dass der Friedhof während des Krieges zerstört wurde und dass sie auf diesem Gelände Patronenhülsen der Flugabwehr und Trichter von Einschlägen gefunden haben. Bekannt ist inzwischen auch, dass nach dem Krieg an diesem Ort militärische Übungen der Technischen Hochschule durchgeführt worden waren. Dies bestätigte ein Leser der „Gazeta Morska“, Marian Muczyñski: „Gegen Ende der 60er Jahre übten wir an diesem Ort u. a. das Granatenwerfen“.
Am Ende der Pressediskussion sagten Katarzyna Decyk und Robert Chrzanowski: “Wahrscheinlich war der eigentliche Urnenfriedhof schnell überfüllt, weil Verbrennungen rasch populär wurden. Deshalb bestattete man die Urnen mit der Asche der Verstorbenen seit den 30er Jahren auf dem angrenzenden Gebiet. Aus unseren Berechnungen geht hervor, dass sich hier 200 - 250 Gräber befunden haben“. Somit bestätigten sie meine Mutmaßungen.

Der Friedhof liegt gut versteckt. Leider kennen die Friedhofshyänen seine Lage und, wie auf den Fotos zu sehen ist, sie nutzen ihre Kenntnisse. Es wäre interessant zu wissen, was mit ihm in Zukunft geschehen wird. Dieses Gebiet ist für Investoren unattraktiv, daher ist auch die Gefahr gering, dass er durch ein Bauvorhaben geschluckt werden könnte. Andererseits fällt es mir schwer zu glauben, dass er jemals instand gesetzt wird. Er wird wohl weiter verfallen, mutwillig zerstört und bestohlen werden, bis nichts mehr von ihm übrig geblieben sein wird.

Text und Fotos: virt. Prof. Grün
Übersetzt von: Biszon

17 September 2004 (pl)
30 November 2006 (de)
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