Fakultät der Friedhofskunde

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Friedhof am Olivaer Tor

Der heutige Friedhof am Olivaer Tor besteht aus zwei älteren Friedhöfen. Einer davon ist der Hl. Leichnam - Friedhof (Cmentarz Bo¿ego Cia³a), der Garnisonsfriedhof (Cmentarz Garnizonowy) ist der andere. Innerhalb des Friedhofs am Olivaer Tor befindet sich auch noch ein Teil des Friedhofs der Freien Glaubensgemeinden. Der etwas höher gelegene deutsche Soldatenfriedhof am Zigankenberger Weg (ul. Gie³guda) ist zerstört worden. Nebenan wurde ein Friedhof für die in den Kämpfen um Danzig gefallenen sowjetischen Soldaten angelegt.
Der Friedhofskomplex am Olivaer Tor ist der letzte von mehreren Friedhöfen des alten Danzigs, die hinter den Stadtmauern lagen, in der Nähe der Strecke nach Langfuhr, der Großen Allee. Dieser Friedhof legt Zeugnis ab über den Charakter der Stadt, denn obschon hier seit über einem halben Jahrhundert überwiegend Polen bestattet werden, ist er ein Vielvölkerfriedhof. Hier fanden ihre letzte Ruhestätte Danziger, Deutsche, Franzosen, Russen, Ukrainer, Griechen, Tataren, Norweger und vielleicht auch andere.
Die Nähe der Befestigungsanlagen und militärischer Einrichtungen sind sicherlich der Grund dafür, dass hier ein preußischer und ein russischer General ruhen, ebenso zahlreiche Offiziere und Soldaten.
Dieser Friedhof erzählt in schweigender Verkürzung die Geschichte Europas. Wir können sie am Denkmal der Franzosen ablesen – der Soldaten des französisch - russischen Krieges, am Grab der Matrosen vom Kreuzer „Magdeburg“, am Grabmal der Gebrüder Hellwig, am Denkmal der russischen Gefangenen des 1. Weltkrieges, an den Gräbern der Miliz -Angehörigen aus der Nachkriegszeit, oder auch an den Gräbern der polnischen Untergrundkämpfer aus dem 2. Weltkrieg.
Erfreulich ist die Tatsache, dass ein Abschnitt mit den Gräbern von 900 deutschen Soldaten von deutscher Seite instand gesetzt wurde. Betrüblich aber ist die gedankenlose Zerstörung der Gräber, die keinen Fürsprecher mehr haben.
Der Friedhof am Olivaer Tor ist ein Denkmal Danzigs, eines großartigen, toleranten, idealen, mythischen Vielvölker - Danzigs, das es nicht mehr gibt.

Günter Grass beschreibt ihn in den berühmten „Unkenrufen“ wie folgt:
Dort fanden wir wahre Raritäten, die uns Jerzy mit verschämtem Finderstolz wie Stücke aus grauer Vorzeit bloßlegte. Zum Beispiel: inmitten Gestrüpp ein von guter Steinmetzarbeit zeugendes Muschelkalkkreuz, dessen Inschrift an französische Kriegsgefangene erinnert, die während der Jahre 1870/71 in Lagern gestorben waren. Dreiblattförmige Kreuzenden. An anderer Stelle wusste er, hinter Unkraut versteckt, eine hohe Stele aus Kalkstein, davor einen verrosteten Schiffsanker. Diesmal war der Tod mehrerer Matrosen vom Kreuzer S M S Magdeburg und eines einzelnen Matrosen vom Torpedoboot Nr. 26 auf das Kriegsjahr 1914 datiert. Und weitere Überbleibsel, die unser Freund für uns aufgespart hatte: etwa jene in eine freistehende Ziegelmauer eingelassene Travertinplatte, auf der in erhabenem Relief überm Eichenlaub das Profil eines Polizeihelms aus Freistaatzeiten zur Ansicht kommt, darunter durch Schläge beschädigte Schrift: >Unsern Toten<. Alexandra wunderte sich über ein Dutzend schwarz polierter Granitsteine, auf denen samt Mondsichel und Stern die Namen und Daten polonisierter Tataren eingemeißelt stehen. Kein Todesdatum vor '57. „Was haben die zu suchen auf Militärfriedhof“, rief sie. Wróbel, der sich gelegentlich, wie Alexandra auch, chauvinistisch verengt, wusste keine Erklärung, stand verlegen in seiner Windjacke zwischen den Steinen und meinte, die Tatarengräber als „wilde Beerdigungen“ entschuldigen zu müssen. Nicht weit entfernt erschreckten Holzkreuze auf Kindergräbern, denen wir schon vor Jahresfrist unter deutschen und polnischen Namen das Seuchenjahr '46 abgelesen hatten. (…)So begingen wir Allerseelen. Die Zeit holte uns ein. Ich suchte vergeblich nach einer alles klammernden Formulierung, doch selbst Jerzy und Alexandra standen versteinert, als uns am Rand des brüchig eingezäunten Geländes, wo Schrebergärten beginnen, ein mutwillig mit Farbe beschmiertes Grab für russische Kriegsgefangene des Ersten Weltkrieges entsetzte. So viel tödliche Geschichtsschreibung und Barbarei! So viele Tote in fremder Erde! So viel Anlass zur Versöhnung! Und immerfort fielen aus altem und nachgewachsenem Baumbestand Blätter. Das frei schwebende Blatt. Wie doch alle den Tod umschreibende Emblematik der Natur zugeordnet bleibt.
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Alte und schon stark beschädigte Einrichtungen der Friedhofsalleen.

Der Holzbau der Friedhofskapelle konnte vor Zerstörung gerettet werden, er wurde renoviert und wird heute für Bestattungen in dem Friedhofsteil genutzt, der in Betrieb ist.

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Alles wäre schön im Quartier der polnischen Untergrundkämpfer, wären da nicht die Kreuze auf den Grabtafeln der Kämpfer ums Polentum. Ob es nun jemandem gefällt oder nicht – ein schwarzes Kreuz auf weißem Schild war, ist und wird es wohl noch lange bleiben, das Wappen der Kreuzritter. Das Anbringen dieses Zeichens bei Menschen, die u. a. gegen den „Drang nach Osten“ kämpften ist geschmacklos und zeugt vom Bildungsmangel des Ideengebers.

Grab des Oberleutnants der Bürger- Miliz Remigiusz Si³a - Karpet, geb. 9 September 1924, ges. 24. Februar 1946. Die Inschrift gibt Auskunft über den Heldenhaften Tod im Kampf um den Frieden und die Sicherheit des Landes. Interessant ist die Lösung, mit der man es vermieden hat, das unpassende Kreuz auf der Grabtafel eines Milizionärs in den 40er Jahren, anzubringen.

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Denkmal für die Matrosen, die 1914 auf dem Kreuzer „Magdeburg“ umgekommen sind. Die Inschrift lautet: „Hier ruhen 14 deutsche Helden vom Kreuzer Magdeburg. Sie sind während des Weltkrieges im Jahr 1914 für das Vaterland gestorben. Kaspar Boisen *10.12.1888. Fritz Bürger *17.9.1886. Paul Frölich *12.10.1892. Paul Hoyer *25.8.1891. Paul Jänner *24.11.1894. Paul Köhler *3.8.1890. Johann Kultzen *25.1.1890. Hermann Cühr *31.3.1890. Heinrich Hockenberger *21.7.1891. Gustav Schmidt *30.9.1893. Friedrich Sudhans *1.1.1892. Albert Wack *24.8.1895. Michael Wagner *24.3.1891. Emil Wedel *21.9.1890. Zusammen mit ihnen starben den heldenhaften Tod Dr. Gerhard Walkenbur *28.7.87 und Karl Lehmann *21.7.1886 vom Torpedoboot V 26“

Ein Grab, auf dem die Grabtafeln deutschsprachiger Stadtbewohner von anliegenden, aufgelösten Gräbern, zusammengetragen wurden.

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Grab des Generalleutnants Wilhelm Gottfried Erdmann von Feldern, geb. 12.Oktober 1789, ges. 18. Juni 1864.

Das Grab der drei Brüder Hellwig: Konrad, Paul und Fritz. Die Inschrift spricht von Konrad als Kriegsfreiwilligem, von seinen Brüdern als Soldaten des Ersten Weltkrieges. Das Denkmal wurde errichtet „Zum Gedenken an ihn [Konrad] und seine Brüder, die in Polen gefallen sind und dort beerdigt wurden“.

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Grab des Kanoniers Otto Lehrke aus Neu Lipschin, geb. 13.1.1893, ges. 21.9.1919, Träger des Eisernen Kreuzes.

Grab des Bronis³aw Burdziñski, geb. 22.11.1883, ges. 8.8.1953. Er war langjähriges Mitglied und verdienter Aktivist der Kommunistischen Partei Polens, Kämpfer gegen die Nazis und Aktivist der Polnischen Arbeiterpartei und der PVAP. Unterschrieben haben diese Gedenkworte „Genossen und Familie“.

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Dies ist vermutlich das älteste Grab auf dem Friedhof. Die Grabtafel, etwas erhöht über ebener Erde, gedenkt des Oberleutnants der Artillerie Johann Friedrich Matthes, geb. 20.1.1753 in Potsdam, ges. 16.2.1832 in Danzig. Stolz vermerkt man auch, dass er 54 Jahre lang gedient hat.

Denkmal der Danziger Polizisten in Form einer stark vom Zahn der Zeit und vom Kugelhagel gezeichneten Mauer, auf der Gedenktafel ist ein Polizeitschako, das auf einem Eichenzweig ruht, dargestellt. Die Unterschrift lautet: “Unseren Toten“.

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Altertümliche Grabtafeln sind leider nur noch als Überreste einer Nekropole vorhanden, deren ewige Bewohner das Pech hatten, dass ihre Stadt die Besitzer wechselte. Diese neuen Besitzer bauten vieles Zerstörtes wieder auf und zerstörten im gleichen Zuge gedankenlos oder auch planmäßig andere Altertümer. Auf dem Foto ist das Tafelbruchstück eines nicht mehr existierenden Grabes zu sehen, deren Inschrift nur noch einen Vornamen verrät – Ludwig.

Die Rückseite eines Denkmals für russische Gefangene des Ersten Weltkrieges, die in deutscher Gefangenschaft gestorben waren. Dieses Denkmal wurde von russischen Emigranten in Danzig für die Landsleute errichtet. Die Vorderansicht ist von örtlichen Vandalen mit Sprüchen von unsäglicher Primitivität beschmiert worden und eignet sich somit nicht zur Veröffentlichung.

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Dieses unscheinbare Kreuz mitten im Sträucherdickicht ist dem Gedenken der französischen Soldaten gewidmet, die in den Jahren 1870-71 gefallen sind, also im französisch - preußischen Krieg. Die Tatsache, dass dieses Kreuz auf dem Garnisonsfriedhof steht erlaubt die Annahme, dass es sich hier um französische Gefangene dieses Krieges handelt. Eine Aufschrift auf dem Sockel informiert darüber, dass das Denkmal von den „Mitpatrioten“ der Soldaten errichtet worden ist.

Die Gräber der Russen und Ukrainer sind dem Verfall preisgegeben. Vor 20 Jahren stand noch eine Vielzahl von Holzkreuzen, die Namen der Bestatteten waren noch lesbar. Heute liegen immer mehr Kreuze auf der Erde, sie sind zerbrochen und von den Tafeln fehlt jegliche Spur.

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Dieses schlichte und formschöne orthodoxe Holzkreuz steht auf dem Grab des Priesters Leonid Lebedev‘, geb. 1885, ges. 20. Mai 1929.

Eine Grabstättenruine in Form einer Miniatur eines klassischen Tempels. Die Bevölkerung, die die Gräber ihrer Angehörigen besucht, benutzt ihn als Müllkippe. Das Gleiche wünschen wir ihnen für ihre eigenen Gräber.

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Im Vielvölker-Mosaik, das Jahrhunderte Danzig bewohnte, konnten auch die Tataren nicht fehlen. Auch sie haben ihr eigenes Quartier, das in den 80er Jahren ziemlich heruntergekommen war. Seitdem es in Ordnung gebracht wurde, zählt dieses Quartier zu den malerischen Ecken des Friedhofs.

Unlängst wurde mit Hilfe der Deutschen Kriegsgräber – Fürsorge das Geviert der im 2. Weltkrieg gefallener deutscher Soldaten wieder hergerichtet. Das Quartier ist bescheiden gehalten aber in wahrlich deutscher Ordnungsliebe.

Text und Bilder: prof. wirt. Grün
Übersetzt von: Biszon

Zitat aus „Unkenrufe“ nach der Ausgabe von DTV, ISBN 3-423-11846-6

16 September 2004 (pl)
14 November 2006 (de)
© 2006 Aleksander Mas³owski
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