Fakultät der Friedhofskunde

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Friedhöfe an der Großen Allee

Einst befanden sich die Friedhöfe der Danziger Kirchengemeinden am Hagelsberg. Wie viele es waren und wie groß, kann man alten Stadtplänen entnehmen. Als diese relativ kleinen Friedhöfe überfüllt waren, wurden entlang der Großen Allee, dem Weg von Danzig nach Langfuhr, neue errichtet
Alle Friedhöfe an der Großen Allee haben den Krieg überstanden, aber keiner die polnische Zeit. Schön sollen sie gewesen sein, mit zahlreichen alten Grabmälern, manche Inschriften gedachten Menschen, deren Namen bekannt waren nicht nur aus der Danziger Geschichte, sondern auch aus der Europas. Aber weder ihre Schönheit noch ihre geschichtliche Bedeutung konnten nach dem Krieg die Entscheidungsträger überzeugen. Als „deutsch“ wurden sie der Erhaltung für unwert befunden und dem Erdboden gleichgemacht. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Gebeine zu exhumieren. Die Grabsteine wurden vernichtet oder gestohlen (einige umgeschliffene Steinplatten wurden angeblich noch in den 80er Jahren zum Verkauf angeboten), oder auch als Baumaterial verwendet – Teile der Grabsteine kann man in den anliegenden Zaunfundamenten finden. Aus neueren Presseberichten ist auch bekannt, dass diese Grabsteine zum Treppen- und sogar Straßenbau verwendet worden waren. Zeitzeugen berichten übereinstimmend, dass noch in den 70er Jahren auf diesen Friedhöfen Grabsteine standen. Bei den wenigen Bautätigkeiten, die in diesem Gebiet vorgenommen wurden, kam es vor, dass Jugendliche vor Ort Fußballspiele veranstalteten, bei denen als Ball ein menschlicher Schädel diente. Weil es offensichtlich der Schädel eines „Deutschen“ war, verdiente er keinen Respekt. Bekannt wurde auch, dass bei verschiedenen Ausgrabungsarbeiten für Rohr- und Leitungsverlegungen, aus den Schachtwänden Gebeine ragten.
Es gab natürlich auch Fälle, in denen menschlicher Anstand zum Tragen kam: Menschen, die ungeachtet der „Unrechtmäßigkeit“ dieser Friedhöfe, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Gräber pflegten und zur Allerseelen Kerzen anzündeten. Und es gab auch Proteste von Menschen. Die die Verwüstung dieser Friedhöfe für Barbarei hielten oder deren Angehörige dort ruhten. Man scherte sich wenig darum, denn das Urteil war längst gefällt worden – an der Siegesallee (Al. Zwyciestwa) wird es keine Friedhöfe mit deutschen Grabinschriften geben. Die Mehrheit der Bevölkerung teilte übrigens diese Einstellung. Einerseits ist dies verständlich als natürliche Reaktion auf alles das „deutsch“ war, nach sechs Jahren der Hölle. Andererseits kann man unmöglich mit Zerstörung, Entweihung und Geschichtsfälschung in Einem einverstanden sein.
Es bleibt nur sich zu erinnern: auf unseren Spaziergängen in den Parkanlagen zwischen der Technischen- und der Medizinischen Hochschule sollten wir daran denken, dass zwei Meter unter unseren Füßen Menschen ruhen, die einst in unserer Stadt gelebt haben.
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Eine seltene Aufnahme des Hauptgebäudes der Technischen Hochschule – im Vordergrund gut sichtbar die Gräber des Friedhofs von St. Nikolai

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Einen Teil der Grabsteine verwendete man als Baumaterial – Parkumfriedungen an der Großen Allee
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Die Schandtreppe im Jäschkental – kurz vor dem Abriss
Bearbeitet von: virt. Prof. Grün
Übersetzt von: Biszon

Danksagung an virt. Prof. Martin Langfurtherek für das Foto der Schandtreppe und an Micha³ Wochna (Vergessene Friedhöfe) für die Fotos der Parkumfriedungen an der Großen Allee

9 September 2004 (pl)
6 Oktober 2006 (de)
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