Fakultät der Gestaltenkunde


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Kriegserinnerungen eines Neufahrwasser Jungen

Onkel Günther, der Stiefbruder meiner Großmutter, war 1939 ein, nur wenige Jahre alter Junge. Er wohnte mit seiner Familie im gleichen Haus in dem auch ich zwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe, nur eben eine Etage höher. Die Westerplatte war aus den Fenstern der Wohnung nicht zu sehen, da sowohl die Zimmer- wie auch die Küchenfenster nach Süden hinausgingen. Jetzt sind es, von unserer ehemaligen Wohnung in Neufahrwasser aus, bis zum Denkmal das den Verteidigern der Westerplatte gewidmet ist, und an Stelle des ehemaligen polnischen Munitionsdepots steht, höchstens ein halber Kilometer Luftlinie. Und aus solcher in etwa Entfernung von dem Haus, hat am Morgen des 1. September das Linienschiff Schleswig-Holstein den Beschuss der Westernplatte begonnen. Der Onkel erzählte mir, dass sie vom Geschützdonner geweckt wurden, den sie anfänglich für ein Gewitter hielten.
Während des Krieges arbeitete meine Urgroßmutter im Kühllager eines Betriebes der Lebensmittel für U-Boote herstellte. Sie schaffte es täglich einige zig Eier nach Hause zu bringen. Wie sollte Deutschland auch den Krieg gewinnen bei solcher Sabotage? Eier waren in solchen Maßen Mangelware, gleichzeitig eine bei Verrechnung des Schwarzmarktes so bequeme Ware, dass die Familie keinen Hunger leiden musste. Urgroßmutter, mit Zugang zu einem so stark gefragten Rohstoff, buk auch Kuchen. Und just mit so einer, auf Bestellung gebackenen Torte, fuhr Onkel Günther mit der Straßenbahn nach Danzig, als ein Fliegerangriff begann. Der Onkel erzählte, dass er die Torte heil zum Kunden brachte, obwohl er sich zusammen mit ihr auf den Boden der Straßenbahn werfen musste.
Er erzählte auch, dass er noch während des Krieges bei einem Gewitter sah wie der Blitz in den Sasper See einschlug. Der See war damals noch aus dem Fenster der Wohnung gut sichtbar, also lief klein Günther so schnell er konnte in Erwartung fetter Beute hin. Und er täuschte sich auch nicht – die Oberfläche war voll von vom Strom betäubter Fische, hautsächlich Aale. Der Fischzug war reich wie nie, und durch Verkauf der Fische an Bekannte besserte er auch das Haushaltsgeld bedeutend auf.
Bei Ende des Krieges blieben in Neufahrwasser nur wenige Familien übrig. Der Rest der Bevölkerung flüchtete vor den nahenden Russen. Die verbliebenen Familien bestanden aus Frauen und Kindern, denn die Männer waren entweder bei der Wehrmacht oder sie flüchteten. Der älteste Mann im Stadtteil war gerade Günter, so war es auch seine Aufgabe, Lebensmittel für die eigene und befreundete Familien zu organisieren. Auf der Suche nach Essbarem durchkämmte er die Wohnungen der Umgebung, und vergnügte sich bei Gelegenheit mit den durch Flüchtlinge zurückgelassenen Sachen. Er erzählte wie er Meißener Teller aus dem Fenster warf und beobachtete wie sie flogen um auf dem Hof zu zerschellen... Einmal fand er ein Auto voll mit Schuhkartons. In ihnen waren nagelneue, deutsche Offiziersstiefel. Er fand seine Größe, zog sie mit Freuden an, und nahm noch einige paar Schuhe für Bekannten mit, Lange erfreute er sich jedoch ihrer nicht, denn der erste russische Soldat den er traf nahm sie ihm auch wieder ab.
Noch bevor die Russen die Stadt besetzten gab es alliierte Luftangriffe. Mein Onkel behauptete das an der Zerstörung Danzigs nicht ausschließlich die Russen schuld sind denn er sah, dass die angreifenden Flugzeuge Zeichen der Royal Air Force trugen. Aus so einem Flugzeug, der von Lauental aus kommend Neufahrwasser überflog, wurde eine Bombe auf das Haus in dem sie wohnten abgeworfen – das letzte Haus in der Willhelmstraße, heute Ulica Wolno¶ci. Die Bombe ging daneben, sie schlug ca. zehn Meter weiter, vor dem Nachbareingang ein und hinterließ einen riesigen Trichter. Das Haus erlitt keine Beschädigungen, jedoch stürzte einige Zeit später der Nachbareingang, also der vor dem die Bombe niedergegangen war, ein, ohne die übrigen Eingänge zu Beschädigen. Das niemand dabei zu Schaden kam, geschah nur deshalb, das im ganzen Eingang Knirschen und Knacken hörbar wurde, das die Bewohner zu fluchtartigem Verlassen des Hauses bewegte. Den Bombentrichter nutzte man, in dem man ihn mit eineigen Autowracks, Pferdekadavern und Leichen von Menschen füllte, die während eines anderen Angriffes ums Leben gekommen waren. Ich kann mich selber noch daran erinnern, dass der Boden vor dem Nachbareingang noch einige zig Jahre nach dem Krieg dauernd absackte.
An Stelle des jetzigen Gymnasiums Nummer 4 befand sich vormals der Exerzierplatz, genutzt noch von dem preußischen Militär aus der Kaserne an der Hindersinstraße. Genau an dieser Stelle, gegenüber der heutigen Tankstelle, unter dem vor einigen Jahren erbauten Basktetballplatz hat man 1945 hat einige, durch Bombenexplosionen getötete Menschen, beigesetzt.

Bearbeitet von: virt.Prof. Grün
Übersetzt von: virt.Prof. Alter Schotte

10 September 2004 (pl)
12 Oktober 2005 (de)
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