Fakultät der Gestaltenkunde


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Gustav Radde

(1831 - 1903)

Gustav Ferdinand Richard Radde kam am 27 November 1831 in Danzig zur Welt. Sein Vater Johann war ein armer Danziger Lehrer, seine aus Marinenburg stammende Mutter litt an einer psychischen Erkrankung und verstarb früh. Er hatte zwei Schwestern und einen Bruder namens Otto, der in späteren Zeiten eine kaufmännische Kariere in Hamburg machte.
Nur große Entbehrungen der Familie ermöglichten ihm den Besuch des Realgymnasiums Peter und Paul. Einer seiner dortigen Lehrer der Professor Anton Menge verstand es bei den Schülern Liebe zur Botanik und Zoologie zu wecken. Im Bezug auf den jungen Gustav war er in diesem Punkte mehr als erfolgreich. Schnell zeigte es sich, dass die wissenschaftlichen Aspirationen des jungen Forschers sich nicht auf dem Bereich beschränkten, der im Gymnasium am Poggenpfuhl gelehrt wurde, d. h. lokale Flora und Fauna.
Nach der Schule wurde er als Hilfskraft in der berühmten Ratsapotheke am Langen Markt, deren Eigentümer ein gewisser Herr Hartwig war, eingestellt. Er arbeitete dort schwer, die wenige Freizeit nutzte er um sein Wissen zu erweitern und Pläne wissenschaftlicher Expeditionen zu schmieden.
Eines Tages erhielt sein Freund Karl Kumm, ein eben so passionierter Wissenschaftler, eine Sendung aus Spanien, mit drei ungewöhnlichen, exotischen Käfern. Möglicherweise fasste der junge Gustav zu diesem Zeitpunkt den Entschluss in die Welt zu ziehen um Wissenschaft und Abenteuer zu suchen. Vom Beschluss zu seiner Verwirklichung war es jedoch ein langer Weg. Haupthindernis war natürlich das Geld. Aber dieses fehlte im alten Danzig glücklicherweise nicht und man gab es auch für die Ausbildung begabter Danziger aus. Nicht umsonst nannte man damals Danzig "die Gelehrtenrepublik". Durch Vermittlung von Freunden die seinen Eifer kannten, nahm er Kontakt mit der Danziger Naturforschenden Gesellschaft auf, die ihm ein kleines Stipendium für eine wissenschaftliche Expedition bewilligte. Dieses Projekt wurde auch von seinem ehemaligen Lehrer Professor Menge und seinem Freund Karl Kumm, finanziell unterstützt. Die Hindernisse formeller Natur räumte der russische Konsul in Danzig aus, in dem er Gustav Radde einen Pass für Südrussland und die Krim ausstellte. Er reiste 1852 ab um seine Heimatstadt nie wieder zu sehen.
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Radde reist 1857 nach Sibirien ab.

Mit einer Kaufmannskarawane erreichte er die Krim. Dank der vom schweizerischen Konsul in Danzig ausgestellten Empfehlungsschreiben an den berühmten auf der Krim wohnenden Botaniker Kristian von Steven - Begründer des ersten botanischen Gartens am Schwarzen Meer – wurde er vom selbigen sehr freundlich aufgenommen. Die nächsten drei Jahre verbrachte Radde auf der Krim in einem Gut von Stevens unweit von Symferopol.
Den Sommer über sammelte er Exemplare der örtlichen Fauna, während der Winter der Dokumentation der Funde vorbehalten war. Unter anderem fertigte er im Auftrag von Stevens Zeichnungen der Pflanzen und Tiere an. In dieser Zeit lernte er auch einen gewissen Joseph Schatylow, ein sozial engagierter Grundeigentümer aus der Gegend, der den Aufbau eines kleinen Naturwissenschaftlich - Historischen Museums in seinem Gut anregte und finanzierte. Die Sammlung aus Schatylows Museum kam mit der Zeit an die Universität in Moskau.
1854 fuhr er mit seiner reichhaltigen Sammlung nach Petersburg. Dort publizierte er die Ergebnisse seine wissenschaftlichen Untersuchungen in einem Werk mit dem Titel „Übersicht und Charakteristik der Krim“, herausgegeben in deutscher Sprache in den Nachrichten der Kaiserlichen Naturforschenden Gesellschaft Moskau 1854. Der dreijährige Aufenthalt Raddes auf der Krim fruchtete auch in einer zweiten Arbeit über die Bräuche der Krimtataren, ("Крымские татары") veröffentlicht in zwei aufeinander folgenden Ausgaben der Nachrichten der Kaiserlich Russisch Geographischen Gesellschaft ("Вестник императорского Русского географического общества") Jahrgänge 1856 – 1857.
Mit so viel Elan geführte Forschungen brachten ihm Anerkennung im Kreise der kaiserlichen Wissenschaftler ein. So verwundert es auch nicht dass er bereits nach kurzer Zeit eingeladen wurde der Kaiserlichen Geographischen Gesellschaft in St. Petersburg beizutreten und an Expeditionen dieser Gesellschaft in Ostsibirien Teil zu nehmen.
Diese Expedition wurde zu einem vierjährigen Aufenthalt im Osten während der Radde forschte und an weiteren Reisen in diesem für die Wissenschaft eben erst entdeckten Weltteil teilnahm. Einige Zeit verbrachte er in der Kosakenkolonie am Amor. Bei der örtlichen Bevölkerung erfreute er sich eines so hohen Ansehens dass diese Kolonie ihm zu Ehren Stanica Raddevka genannt wurde. Kistenweise schickte er selbstgesammelte Steinproben, bisher unbekannte Insekten und andere Exemplare der erstaunlichen örtlichen Fauna an das Museum der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Das bewirkte dass man ihm 1860 die Stelle eines Verwalters am Zoologischen Museum der Petersburger Akademie der Wissenschaften anbot. Im Januar 1860 zog er nach St. Petersburg wo man ihm die Ordnung und Bearbeitung der von ihm zusammengetragener Sammlung übertrug.
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Die Ortschaft Raddevka in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Pläne Raddes beschränkten sich jedoch nicht auf die Untersuchungen in Südostsibirien. 1863 heiratete er die Tochter eines anderen bekannten Wissenschaftlers F. F. Brandt. Im gleichen Jahr zog er mitsamt seiner Frau nach Tbilisi, um dort eine Stelle im Physikalischen Observatorium anzunehmen. Diese Stelle ermöglichte ihm die Verwirklichung seiner Pläne denn als Beamter des russischen Staates hatte er die Möglichkeit sich frei ihm Lande zu bewegen sowie Zugang zu Mitteln die der Staat für wissenschaftliche Zwecke einsetzte.
1864 schlug er einen detaillierten Plan Untersuchungen im Kaukasus vor, dessen Verwirklichung wie sich nachher herausstellte sein Lebenswerk wurde.
Im Jahr 1867 gründete er das von ihm über 30 Jahre lang bis an sein Lebensende geleitete Kaukasische Museum in Tbilisi, das Exponate aus den Bereichen der örtlichen Natur und Ethnographie sammelte.
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Kaukasische Typen - Zeichnungen von Gustav Radde aus dem Buch Die Chewsuren und ihr Land (1878).
Zum Ziel setzte er sich die Untersuchung des gesamten Kaukasus. Radde unternahm Reisen nach Armenien, Dagestan, Nordpersien, Tschetschenien, Abchasien und in andere kaukasische Länder. Sowohl die Reiseberichte wie auch seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden gerne sowohl in Russland wie auch im deutschsprachigen Raum gedruckt. Er ist der Verfasser solcher Werke wie Ornis Caucasica (1884) und Reisen in den südlichen Teil Ostsibiriens in den Jahren 1855 – 1859 (herausgegeben 1862 - 1862). Er bereiste ebenfalls Indien, Indonesien, Ceylon und die Mittelmeerländer. Im Jahre 1900 organisierte er den kaukasischen Teil der Weltausstellung in Paris die ihm etliche Ehrungen einbrachte.
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Das von Radde 1867 gegründete Kaukasische Museum in Tbilisi.

Raddes Büste im Innenhof im Kaukasischen Museums in Tbilisi.

Er vergaß nie seine Stadt. Vom Anbeginn seines wissenschaftlichen Abenteuers in Russland, schrieb er Briefe an seine Freunde in Danzig. Er beschrieb in ihnen seine Entdeckungen, Reisen und das Leben, das er führte während der Wanderungen durch die kaukasischen und sibirischen Einöden. Der Stil in dem er schrieb war weit vom trocknen wissenschaftlichen Stil entfernt. Dank seiner Briefe und Bücher fanden Wissenschaftler viele Informationen über die Natur und Kultur der Orte die er besucht hat. Die Liebhaber von Reiseliteratur lasen gespannt seine Bücher voll mit Beschreibung unbekannter märchenhafter Landschaften und exotischer Völker. Der Naturforschenden Gesellschaft, die ihm ab Beginn seiner unendlichen wissenschaftlichen Wanderung unterstützte, schickte er aus Tbilisi Zahlreiche Exponate die die Danziger Sammlung bereicherten.
Für seine wissenschaftlichen Tätigkeiten erhielt er viele Ehrungen. Unter anderem wurde er zum Doktor honoris causa der Universität in Dorpat ernannt. 1884 leitete er den ersten Internationalen Ornithologischen Kongress in Wien. Ab 1889 war er korrespondierendes Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften. Nach ihm benannte man einige Tierarten wie zum Beispiel eine mongolische Froschart - lateinisch bufo raddei.
Gestorben ist Gustav Radde am 14 oder 15 März 1903 in Tbilisi, beigesetzt wurde er in Likane unweit Borschomi an der Kura. In seinen Grabstein ließ er meißeln:
Hier ruht ein müder Mensch,
Gustav Ivanovitsch Radde.
Der Tod schreckt mich nicht.
Ist er doch der Bruder des Schlafes.
Bearbeitet von: virt.Prof. Grün
Übersetzt von: virt.Prof. Alter Schotte

Bilder:
1., 2., 5. i 6.: Goethe-Institut Tbilisi
3. i 4. www.kaukasus-reisen.de

15 Juni 2005 (pl)
25 September 2005 (de)
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