Fakultät der Parageschichte

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Die Legende von den goldenen Tropfen

Es war einmal, vor langer Zeit, als die Welt noch vollkommen anders aussah. Die Meere sahen anders aus und das Land sah anders aus. Das Meer war warm und froh. Manchmal wogte es ruhig unter den heißen Sonnenstrahlen, und manchmal, wenn das Gewitter es besuchte, tanzte es mit ihm die ganze Nacht, und der Wind spielte für sie zum Tanz auf. Die Strände der Meere bewuchsen wie heute Wälder, sahen aber anders aus. In ihnen wuchsen Bäumen deren Baumstämme waren wie der Turm der Marienkirche – groß, mächtig und stolz auf ihre Langlebigkeit. Sie mochten das Meer, das sich von Zeit zu Zeit dicht an sie heran schob, manchmal schalkhaft ihre Wurzeln kitzelte und manchmal wenn es sich beim Tanzen mit dem Gewitter vergaß, mit seinen Wellen zwischen sie strömte.
Und die Bäume, mächtig und groß, tanzten mit ihnen zusammen, sich rhythmisch bewegend, sangen für sie zum Tanz und lachten über das wild tanzende Paar, das auf nichts anderes achtete und sich mit gewaltigen Wellen zwischen sie ergoss.
So lebten das Meer, die Bäume und das Gewitter und die Sonne und der Mond beobachteten ihr Fortdauern.
Eines Tages hob der höchste Baum seinen großen Kopf und schaute nach oben. Seit langer Zeit war er neidisch auf die goldenen Strahlen der Sonne, und da er bereits der höchste war, beschloss er, dass es Zeit sei einen Teil des Goldes der Sonne zu fordern. Also fragte er einen vorbeifliegenden Vogel, einen anderen als unsere Vögel, einen großen, mit ledernen Flügeln und Zähnen im Schnabel:
-Vogel! Wie weit ist es zur Sonne?
Der erschrockene Vogel flog einen großen Kreis über der Baumkrone und antwortete:
- Das weiß ich nicht. Ich denke, dass es weit ist. Sehr weit – vielleicht sogar hundertmal höher als ich fliegen kann, vielleicht tausend...
Das macht nichts... –antwortete der Baum mit einem geheimnisvollen Lächeln. – Ich danke dir Vogel.
Der Vogel, der normalerweise keine Zeit mit Denken verschwendete, machte noch einen halben Kreis über dem Baum, stieß sich mit schweren Flügelschlägen ab in den Himmel und flog davon.
Andere Bäume, die die Frage ihres höchsten Artgenossen gehört hatten, fingen an zu fragen:
- Warum hast du den Vogel danach gefragt wie weit es zur Sonne ist, sie ist doch höher als alles.
- Vielleicht ist sie hoch, aber noch so hoch, das ich, der Baum, nicht bis dahin reichen kann mit meiner Krone.
Und er begann zu wachsen. Am Anfang schoss er einsam in die Höhe, aber schon nach einiger Zeit, begannen andere Bäume, die den Grund für das Streben des höchsten Baums zur Sonne ahnten, ebenfalls zu wachsen. Mit jedem Tag wurden sie größer. Das strengte sie sehr an, wodurch sich auf ihren Wurzeln, so wie Schweiß, Tropfen von Harz zeigten. Diese Tropfen verbanden sich zu größeren Tropfen und flossen hinab in den Sand zwischen ihren Wurzeln.
Sie hatten keine Zeit mehr für Unterhaltungen mit dem Meer, für Tänze mit dem Gewitter und das Singen mit dem Wind.
Das Meer, das ich immer stärker wunderte über das Verhalten der Bäume, wogte heran zu ihnen und fragte ob sie nicht Lust hätten zu spielen, zu tanzen und zu singen so wie früher.
- Lass uns in Ruhe – rauschten sie ärgerlich – wir haben keine Lust auf alberne Spiele. Wir müssen wachsen, wachsen, wachsen...
Und sie wuchsen.
Aber das Meer kehrte traurig zurück und nahm ohne se zu bemerken die goldenen Tropfen Harz mit sich, die von den Bäumen fielen.
Eine Tages tauchten das Gewitter und der Wind auf. Sie waren lange nicht da gewesen, also hatten sie große Lust mit dem Meer und den Bäumen zu toben. Sie fanden das Meer traurig den Sand mit Wellen aufwühlend, und die Bäume in den Himmel Starrend. Sehr verwundert von diesem ungewöhnlichen Anblick provozierten sie die Bäume mit einem Windhauch, kniffen das Meer spielerisch mit einem Blitz .... aber das Meer war weiter traurig, und die Bäume wippten nur empört mit den Zweigen:
- Wir haben keine Zeit für euch, lasst uns in ruhe, geht wo anders Pusten, wir müssen wachsen, wachsen, wachsen!
Das Gewitter wurde dunkler, hier und da blitzte es in ihm gefährlich...
Der Wind, nicht weniger temperamentvoll als das Gewitter fragte:
- Und warum müsst ihr auf einmal wachsen, wachsen, wachsen?
- Deshalb, weil wir die Sonne erreichen müssen, weil uns ihr Gold gehört – wir sind die Schönsten, die Besten und die am Würdigsten das Gold der Sonne zu erhalten.
Der Sturm begann pfeifend zu lachen über solch dreisten und eingebildeten Worte. Das Gewitter brummte gefährlich. Das Meer schlug wogte beunruhigt.
Die Bäume, das Lachen des Sturms hörend, strengten sich noch mehr an und noch mehr goldene Tropfen begannen an ihren gewaltigen Stämmen herunter zu rinnen.
- Selbst wenn ihr noch tausend Jahre lang wachsen würdet, so würdet ihr nicht einmal den Rand des Sonnenschildes erreichen! – lachte der Wind.
- Du bist dumm! Du und dein Gewitter ihr seid dumm! Ihr habt keine Ahnung von nichts und seit einfach neidisch auf unsere Schönheit und unsere Macht! – rauschten die Bäume verächtlich.
Dem Gewitter entfuhren einige Blitze, der Wind kehrte um und zusammen rasten sie in Richtung Horizont.
Eine gefährliche, Unheilverheißende Stille brach herein. Die Bäume, zufrieden mit sich und mit dem wie sie die dummen und aufdringlichen Gäste losgeworden waren, widmeten sich wieder dem Wachsen. Im Sand um ihre Wurzeln herum leuchteten Strahlen der Sonne in Millionen größerer und kleinerer goldener Tropfen. Um die Stämme herum fielen die Harztropfen so dicht, das Insekten, Spinnen, Vögel und sogar Eidechsen zu hunderten in den durchsichtigen, klebrigen, dickflüssigen Tropfen ertranken und in ihr erstarrten.
Plötzlich kam von der Stelle an der das Meer den Himmel berührt eine lang anhaltendes Grollen. Das Grollen war so lang und gefährlich, das die ganze Welt stillstand. Alles drehte sich erschrocken in Richtung Horizont um. Alles außer den Bäumen, die nichts mehr beachteten was nicht mit dem Wachsen zur Sonne zu tun hatten. Vom Rand der Welt grollte es wieder, und einen Moment später begann ein riesiges, wütendes Gewitter sich zu nähern.
Eine schwarze Wolke verdeckte den Himmel, und ihr unzertrennlicher Partner, der Wind, jagte vor sich eine riesige Welle her. Die Welle wuchs mit jeder Sekunde. Das Meer, erschrocken durch das Geschehen gab sich machtlos dem Gewitter und dem Wind hin. Die Welle war bereits kurz vor dem Strand und gewaltig wie ein Berg. Sie ergoss sich mit einem gewaltigen Getöse auf das Ufer und im Bruchteil einer Sekunde fegte sie die Bäume, die bis zum letzten Moment in den Himmel starten und mit dem wachsen zur Sonne beschäftigt waren weg. Aus den brechenden Stämmen floss wie Blut eine große Masse Harz, vermischte sich mit dem Wasser des Meeres und sank auf den Grund der Bucht, in die das wilde Gewitter den Ort verwandelte an dem die überheblichen Bäume wuchsen
Und so gelang es ihnen nie das Gold der Sonne zu erreichen.
Die Zeit floss. Wie damals die wogten die Wellen des Meeres, manchmal besuchten es das Gewitter und der Wind, aber irgendwie war es seltsam und nicht so fröhlich waren ihre damaligen Tänze. Ihnen fehlte der Gesang der großen Bäume. Neue, kurze Bäume wuchsen am Ufer und waren weder so groß noch so schön.
Hundert Jahre vergingen, dann Tausend, und schließlich Millionen, und vielleicht auch mehr. Am Strand tauchten Menschen auf, die hier ihre Stadt bauten. Und sie begannen an den Strand des Meeres zu kommen und die goldenen Tropfen aufzulesen, für die mächtige Imperien aus dem Süden gerne Tücher, Geschirr, Wein und andere Dinge schickten, von denen am Rande des Nordens, am kalten Meer früher nur geträumt wurde. Später begannen sie selber das Blut der stolzen Bäume aus der Vorzeit, genannt „Bernstein“, zu bearbeiten. Sie schufen daraus Kleinodien, deren Schönheit die wählerischsten Kenner des Schönen nicht widerstehen konnten
Heute reicht es einen Tag abzuwarten, wenn Wind und Gewitter das Meer aufsuchen um mit ihm wie vor einer Million Jahren zu tanzen, um dann beim Spaziergang am Strand selbst im nassen Sand ein Bruchstück der uralten Geschichte erglühen zu sehen, und man muss sich nur bücken um das kleine Stückchen Wald von vor Jahrmillionen in die Hand nehmen zu können.
Gefunfen von virt. Prof. Grün
Übersetzt von Frosch
9 September 2004 (pl)
31 März 2008 (de)
© 2004 Aleksander Mas³owski

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